Der Standhafte aus dem Setesdal

Der Standhafte aus dem Setesdal

Der Telegrafenlehrling bei der NSB (der Norwegischen Staatsbahn), Feldwebel Osmund Faremo aus Rysstad im Setesdal, wurde am 5. Februar 1943 auf dem Bahnhof in Kristiansand verhaftet. Er wurde der Mitgliedschaft in einer illegalen Widerstandsorganisation verdächtigt und im „Arkiv" harter Tortur ausgesetzt. Er bekam die Brutalität, die an diesem finsteren Ort herrschte, zu spüren. Die erschreckenden Erlebnisse hinterliessen deutliche Spuren im Bewusstsein des 21-jährigen. Später im Leben sollte er ein aktiver Vorkämpfer für Freiheit und Menschenwürde werden.

Am 9. April 1940 war Osmund Faremo Schüler der Unteroffiziersschule der 3. Division in Kristiansand. An diesem Tage erlebte er das erste Treffen mit der effektiven deutschen Kriegsmaschine. Seine Feuertaufe bekam er während des Angriffs auf die Festung Odderöya. Frühmorgens wurde die Schulklasse, der Faremo angehörte, als Deckungsstütze auskommandiert. Er war dort während des kräftigen Bombardements - erst von deutschen Kriegsschiffen - später von deutschen Bombenflugzeugen. Keiner der Unteroffiziersschüler wurde verletzt.

Als die Kämpfe vorüber waren, wurden die Schüler vom Chef der Schule versammelt. Er gab Bescheid, dass die, die wollten, abhauen konnten; die, die aber weiterkämpfen wollten, könnten sich hinter dem Krankenhaus in Kristiansand versammeln. - Keiner verschwand. Alle kamen, einzeln oder in Gruppen, hinters Krankenhaus.

Die kleine Truppe bezog bei Stray die erste Stellung und hielt sie den ersten Tag. Sie deckte die wichtige Strasse und die Eisenbahnlinie ins Setesdal. Danach wurde Stellung bei Hägeland bezogen und zum Schluss ging es nach Byglandsfjord.

Die südliche Kapitulation

Unteroffiziersschüler Osmund Faremo erlebte das traurige Ereignis, dass sich die gesamte Streitmacht des Landes am 15. April 1940 ergab. Das war die bedingungslose Kapitulation. Da hatte sich der General aus dem Staube gemacht. Auch nicht der stellvertretende Kommandeur besass genügend Mut zum Kampf. Die wie gelähmt wirkenden Soldaten mussten im Kanossagang nach Evje runter ziehen. Dort wurden sie entwaffnet. Aufgrund deutschen Wohlwollens wurden sie nicht als Kriegsgefangene behandelt. Deshalb konnten sie an ihre Heimatadressen zurückkehren.

- Das war ein fürchterlich schlechtes Gefühl. Wir fühlten uns wie vernarrt, berichtet Faremo bitter.

Er begab sich nach Kristiansand und begann in einer Baufirma. Sie errichtete verschiedene Gebäude für die Deutschen. Nach einer Weile begannen Einberufungen zum Arbeitsdienst (AT) zu kommen. Aus Entrüstung wurden die Briefe in den Ofen geworfen. Dennoch verstand er, dass dies vielleicht gefährlich sein könnte. Da kam er auf den Gedanken, Arbeit in einem Staatsbetrieb zu suchen. Dort würde er „beschützt" sein. Im Frühjahr 1941 hatte er Glück und wurde als Telegrafenlehrling bei der norwegischen Staatsbahn eingestellt.

Mitglied der Mil. Org.

Ungefähr zu diesem Zeitpunkt wurde er - zusammen mit mehreren Schülern der Unteroffiziersschule - in die heimliche Widerstandsarbeit mit hineingezogen. Er wurde Major Laudals Militärorganisation (Kampfgruppe 3) zugeordnet. Dieses Untergrundheer wurde mit dem Ziel vor Augen errichtet, bei der erwarteten alliierten Invasion in Süd-Norwegen im Frühling 1942, in Bereitschaft zu liegen. Faremo wurde von Disponent Knut Bö in der Autobusgesellschaft Setesdal Bilruter angeworben. Die Abteilung Rysstad, der Osmund Faremo angehörte, war Ingenieur Rolf Ellingsen aus Mosby, dem Leiter des Setesdal-Abschnittes, unterstellt.

Die Rysstad-Abteilung errichtete Verbindung mit einer gleichartigen Abteilung in Bykle. Die Bjåen-Brüder, Knut und Sjur, organisierten den Waffenempfang und die Verteilung der Waffen. Zusätzlich wurden Routen für Flüchtlinge etabliert. Bezirksarzt Gert Hoye war Chef für die Nachrichtenvermittlung XU.

Im Sommer 1942 nahm Osmund Faremo in Rysstad an einem Waffenlehrgang teil. Dieser wurde in den Wäldern bei Faremo abgehalten. Feldwebel John Haugeland leitete die Instruktion. Er hatte selbst kurz vorher einen Instruktionskursus unter der Leitung von „Arne Andersen" mitgemacht. Die Männer stifteten Bekanntschaft mit modernen Kampfwaffen, wie Stengun Maschinenpistole, Colt Pistole und Mills Handgranaten.

Darüber hinaus erhielten sie Ausbildung in Sprengungstechnik, sowie Handhabung detonierender Lunte und des „Supersprengstoffes" Plastic Explosive. Ausserdem lernten sie, geheime Meldungen aufzusetzen.

Die Teilnehmer am Waffenkurs wurden zu Gruppenführern ernannt. Sie sollten in aller Heimlichkeit Leute an sich knüpfen, zu denen sie Vertrauen hatten, und von denen sie wussten, dass sie hundert Prozent verlässlich waren. Jede Gruppe sollte einem Trupp angehören. Wenige Namen wurden genannt. Das war eine Stufe der Sicherheitsveranstaltungen.

Kam seiner täglichen Arbeit nach

Im Laufe des Jahres 1942 kam Osmund Faremo seiner täglichen Arbeit in der NSB-Administration in Krossen nach. Er hörte bei den Nachrichten genau zu, ob da etwas war, das darauf hindeutete, dass sich eine bevorstehende Invasion abzeichnete. Er hatte den deutlichen Bescheid erhalten, nicht zu flüchten, ohne dass dafür ein eindeutiger Befehl gegeben war. Am 5. Februar 1943, während des Dienstes in der NSB-Station in Krossen, bekam er ein beängstigendes Telefongespräch von seiner Cousine. Sie erzählte, dass das Haus voller Gestapoleute und Polizei sei. Unglücklicherweise sass er am gleichen Schreibtisch wie der Chef, der einer der wenigen Nazis im Eisenbahnbezirk von Kristiansand war. Faremo sah zum Chef rüber, um zu sehen, ob er etwas gehört haben könnte, aber er schien so sehr beschäftigt mit seiner Schreibarbeit, dass er dieses Unheil verkündende Telefongespräch nicht registriert hatte.

Faremo verstand, dass er nichts anderes tun konnte, als zu verschwinden. So unbemerkt wie möglich schlich er sich aus dem Gebäude, fand draussen ein Fahrrad und strampelte was das Zeug hielt nach Kristiansand runter. Das war eine Strecke von ungefähr zwei Kilometern. Dort traf er einige seiner Kameraden und erzählte, dass nach ihm gefahndet wurde und er abhauen musste.

Ich war gerade dabei, aus dem Lande zu verschwinden, als plötzlich die Türen des Stationsgebäudes aufknallten. Das ganze Gebäude war umringt und voll von Uniformierten, ziviler Polizei und Gestapo. Sie brüllten meinen Namen. Ich sass in der Falle, berichtet Faremo.

Wären sie fünf Minuten später gekommen, wäre ich ihnen entkommen.

Gefühl wie totgeschlagen zu werden

Nach der Verhaftung wurde er direkt ins Kristiansand Kreisgefängnis transportiert. Die Verhaftung geschah an einem Freitag. Er sass in der Zelle bis Montag Morgen. Da wurde er ins „Arkiv" verfrachtet und umgehend einem Verhör unterzogen. Vom ersten Augenblick an wurde er misshandelt und geschlagen. Er hatte das Gefühl, totgeschlagen zu werden. Die Nieren wurden ihm los geschlagen. Ein Wunder, dass er überlebte. Der Körper wurde schwarz von Blutergüssen vom Magen und abwärts. Diese Merkmale hielten sich ein halbes Jahr lang.

- Ich wurde ungefähr einen ganzen Tag lang geschlagen. Zuerst musste ich den üblichen Empfang im Arkiv durchmachen, d.h. mit dem Gesicht zur nackten Wand in Gib Acht-Stellung stehen, berichtet Faremo. So wurde er ins Büro von SS-Hauptscharführer Friedrich Albert Lappe, dem Ermittlungsleiter in der Sache, gebracht. Das Verhör begann angemessen ruhig.

- Er fragte, warum ich verhaftet worden war. Ich sagte, ich hätte keine Ahnung warum, berichtete Faremo. Nach und nach wurde Lappe schärfer im Ton. Da Faremo immer noch leugnete, wurde der Gestapomann rasende. Danach legte er verschiedene Torturgeräte über dem Schreibtisch aus. So steigerte er sich in eine fürchterliche Raserei hinein und fluchte wie ein Wilder. Mit einer viel versprechenden Geste zog er seine Pistole, zielte auf den Gefangenen und drohte zu schiessen.

- Ich verstand, dass es nicht seine Absicht war, mich zu erschiessen, bevor er nicht etwas aus mir herausbekommen hatte. Deshalb verhielt ich mich ziemlich ruhig, sagt Faremo.

Er leugnete er alles.

Stundenlange Misshandlungen

Die zu keiner Zusammenarbeit willige Haltung - von deutscher Seite aus gesehen - führte dazu, dass Faremo die Treppen zum Torturraum im Keller hinunter gestossen wurde, wo er benommen und halbwegs ohne Bewusstsein auf dem Fussboden liegen blieb. So bekam er ein Handtuch in den Mund gezwängt und Handschellen angelegt. Danach wurde er auf einen Holzbock geworfen und zu Blute geprügelt. Fünf Gestapoleute tauchten auf und schlugen wechselweise auf ihn ein. Die Misshandlung dauerte Stunden.

Einer der Gestapoleute stand da mit seinen blank geputzten Reitstiefeln und trat mit vollem Gewicht auf die Handschellen. Ein paar andere versetzten ihm Tritte an die Beine, so dass er sich nicht gegen die Schläge, die von vorne kamen, schützen konnte. Auf jeder Seite stand ein Gestapomann, und beide schlugen ihn mit langen Lederpeitschen.

Als die ersten beiden „Peitschenmeister" erschöpft waren, übernahmen zwei neue, während die beiden Ersten neue Kräfte für den nächsten Umgang sammelten.

In regelmässigen Abständen wurde er vom Holzbock heruntergezogen und von Mann zu Mann geschuppst, während alle auf ihn einschlugen. Nach mehreren solcher Runden wurde er hochgerissen und das Handtuch aus seinem Mund genommen. Der stark misshandelte Gefangene wurde gefragt, ob er sprechen wolle. Die Antwort war immer noch ein klares Nein. Seine Starrheit und Unwilligkeit führte zu noch einem Umgang zwischen den fünf Sadisten. Faustschlag auf Faustschlag hammerten gegen seinen Kopf. Bald rannte Blut über das ganze Gesicht. Diese unbarmherzige Misshandlung wahrte eine gute Weile.

So wurden die Verhöre plötzlich abgebrochen. Die Person, die ihn verraten hatte, wurde hereingeführt. Er war unter einem Torturverhör zum Sprechen gebracht worden. - Ich kannte ihn und konnte es nicht verneinen. Die Gestapoleute fragten, ob ich jetzt etwas zu erzählen hätte. Ich ahnte nicht, was er ihnen erzählt hatte; deshalb schwieg ich, berichtete Faremo.

Die Strafe war eine neue Runde auf dem Holzbock. Der Kamerad musste dabeistehen und zusehen. Die Tortur ging bis zum späten Abend vor sich. Später konnte er nicht sagen, ob er die ganze Zeit bei vollem Bewusstsein gewesen war. Alles floss zusammen in losen und unwirklichen Bildern. Als er endlich wieder zu sich kam, befand er sich immer noch im Keller. Zwei andere zusammengeschlagene Gefangene nahmen sich seiner an. Faremo konnte weder stehen noch gehen. Bei der Inspektion hoben die Kameraden ihn hoch in stehende Stellung. Gemäss Reglement mussten die Gefangenen in strammer Gib Acht-Stellung stehen, wenn die hohen Herren erschienen.

Sein eigenes Todesurteil

Später am Abend wurde er zu Lappe hinein geführt. Mit blutverschmiertem und geschwollenem Gesicht - und die Nase seitlich verklemmt - wurde er dem Gestapomann überführt. Rücken und Füsse waren wie unförmige Fleischklumpen. Die Hände waren geschwollen und unansehnlich. Die dicke Eisenbahneruniform war zerfetzt durch die Peitschenhiebe.

Mir wurde befohlen, das „Eingeständnis" zu unterschreiben. Aber eine Anerkennung einer Schuld hatte ich überhaupt nicht abgegeben. Trotzdem hatte Lappe es fertig geschrieben. Es war einleuchtend, dass es auf Erklärungen von meinen Kollegen, denen diese abgezwungen wurden, beruhte. Eigentlich war es, wie wenn ich mein eigenes Todesurteil unterschreiben sollte ..... Ich bekam nie einen Verteidiger oder sonst was, unterstrich Faremo. Nach zehn Tagen wurde der junge Widerstandskämpfer nach Grini bei Oslo überstellt. Dort sass er vom 15. Februar 1943 bis er am 7. Juni zum Transport aufgerufen wurde. Den Bestimmungsort wusste er nicht.

Die Gefangenen wurden hinunter zum Akershus-Kai in Oslo gefahren. Dort lag die „Monte Rosa". An Bord dieses düsteren Sklavenschiffes wurden ungefähr 140 norwegische NN-(Nacht und Nebel-)Gefangene gebracht. Zuerst ging die Seefahrt nach Århus. Von da aus wurden die Gefangenen in alten Eisenbahnwagons nach Hamburg verfrachtet. Hier wurde der Transport aufgeteilt. 71 wurden aufgerufen und weitertransportiert. Nach fünf Tagen landeten sie in Natzweiler-Struthof, 60 km von Strassburg entfernt. Das Gefangenenlager (800 m ü.M.), wie sie bald verstanden, war ein Vernichtungslager.

Dort waren 5.000 französische, 504 norwegische und 1.000 belgische NN-Gefangene.

Die 71 Norweger machten das erste Kontingent von NN-Gefangenen aus Norwegen aus. Die Gefangenenuniformen wurden mit einem grossen roten N auf beiden Seiten vorne und zwei rote N auf dem Rücken gekennzeichnet. Die Disziplin im Lager war eisern. Die deutschen SS-Offiziere und die Kapos, d.h. Gefangene, die eine Arbeitsgruppe leiteten, konnten mit den Gefangenen beinahe alles machen, was sie wollten. Sie wussten, dass sie weder Strafe noch Repressalien für ihre rücksichtslose Behandlung der Gefangenen riskierten. Sie wurden eher gelobt.

Die täglichen Essensrationen waren minimal. Trotzdem wurden die NN-Gefangenen zu Schwerstarbeit im Steinbruch eingesetzt. Regelrechte Sklavenarbeit. Sie verstanden, dass sie durch dieses unerträgliche Bestrafungssystem sterben sollten. Die Arbeit im Steinbruch, wo die meisten Norweger arbeiteten, war eine unmenschliche Schinderei. Ungefähr 45 kamen im „Berg des Todes" um.

Die nächste Todeslast bestand aus Holländern. Sie kamen einen Monat später an. Die dritte Gruppe, die ankam, waren Franzosen. Sie kamen direkt aus Gefängnissen in Paris, wo sie schon ein und ein halbes Jahr eingesperrt waren. In einer regenvollen Nacht wurden sie direkt in den Steinbruch kommandiert. Sie waren nur mit einfachen „Holländerschuhen" und dünnem Zeug gekleidet. Sie mussten Steine tragen.

Beinahe keiner übrig

- Als wir morgens aufwachten, trugen sie ausserhalb des Lagers immer noch Steine. Es lagen ganz schön viele Halbtote und Tote umher. Als wir abends vom Steinbruch zurückkamen, war fast keiner übrig, erzählt Faremo.

Eines Tages wurde Faremo von einem anderen Gefangenen aufgesucht, Emil Frantz aus Luxemburg. Emil erzählte, dass er eine Sonderstellung in Natzweiler-Struthof innehat und versprach, Faremo so gut er konnte zu helfen. So verschwand er wieder nach draussen. Vor dem Krieg war er Ringer-Europameister im Freistil gewesen. Die Deutschen zeigten grosse Bewunderung für Sportsathleten. Deshalb bekam er eine Sonderbehandlung. Das bedeutete, dass ihm erlaubt war, Pakete zu empfangen und Briefe zu schreiben. Die Familie sandte ihm wöchentlich Pakete. Ausserdem konnte er sich frei bewegen, im und ausserhalb des Lagers.

In vielen Beziehungen wurde Emil Frantz ein Glücksstern für Faremo. Das war der Beginn einer lebenslangen Freundschaft.

Es zeigte sich, dass Emil Frantz ein Fachmann in Steinbrucharbeit war. Er kam nämlich von einer Eisenhütte in Luxemburg und war Experte, Arbeitsgeräte richtig anzuwenden. Diese Spezialkenntnisse gereichten jetzt allen Norwegern zum Nutzen.

Auf dem Todesmarsch

Das NN-Lager Natzweiler-Struthof war offenbar nicht die Endstation. Eines Tages kam nämlich der Bescheid, dass alle norwegischen NN-Gefangenen auf Weitertransport sollten. Osmund Faremo lag auf dem Revier, d.h. Krankenstube, als der Marschbefehl kam. Er hatte die Gangräne, eine Art Gewebserstickung, in beiden Beinen bekommen. Den Schaden hatte er sich im Steinbruch zugelegt. Es war schon ein Wunder, dass er den Aufenthalt in der Krankenstube überlebt hatte. Kurz davor hatten die Ärzte diskutiert, wo sie die Beine amputieren sollten.

Jetzt wurde ihm befohlen, die Krankenstube zu verlassen und sich auf den Marsch zu begeben. Faremo landete in der Gruppe, die sich über die zehn Kilometer lange Strecke bis zum Bahnhof Rothau schleppen musste. Von dort wurden die NN-Gefangenen in einem voll gestopften Gefangenenzug nach Dachau transportiert. Zu Fuss mussten sie zu dem kleinen Lager Allach maschieren. Dieses Lager war aber völlig überfüllt; so wurden sie also wieder in das Lager Dachau zurück kommandiert. Die Verlegung geschah zu Fuss.

- Die Lagerleitung fand wohl heraus, dass wir NN-Gefangene waren. Ungefähr 90 der norwegischen Gefangenen wurden deshalb in Viehwagen weitergesendet, berichtet Faremo.

 

Die lange Todestreppe

Als die Norweger wieder ausgeladen wurden, zeigte es sich, dass sie im Konzentrationslager Mauthausen in Österreich gelandet waren. Auch hier wurden die Gefangenen zu schwerer Steinarbeit eingesetzt. Die Bekleidung war minimal. Alle trugen "Holländerschuhe", Hose und ein verschlissenes Hemd. Anderes Zeug gab’s nicht.

Der junge Widerstandsmann blieb den ganzen Herbst über in Mauthausen. Er überlebte auch die unmenschliche Schinderei in der „Todestreppe". In Mauthausen mussten die Gefangenen schwere Steine die „Himmelsleiter" hinauftragen. Sie hatte 186 Stufen. Das sinnlose Wandern wiederholte sich viele Male den ganzen Tag lang. - Das gelang mir unvorstellbarer Weise, gesteht Faremo. Die überraschende Wahrheit, dass in ihm immer noch Leben war, war die Ursache dafür, dass er für Tunnelarbeit ausgewählt wurde. Das wurde seine nächste Arbeit im 3. Reich.

Zwei kleinere, heimliche Lagerkommandos waren Mauthausen untergeordnet. Diesen oblag die Verantwortung, neue, unterirdische Fabrikanlagen zu bauen. Die Alliierten näherten sich mit Sturmschritten sowohl aus Ost und West. In einem letzten, verzweifelten Versuch, die deutsche Kriegsmaschine in Gang zu halten, bestimmte Rüstungsminister Albert Speer, dass der wichtigste Teil der deutschen Waffenindustrie unter der Erde versteckt werden sollte.

Osmund Faremo wurde ausgewählt, in den dunklen Tunnelgängen zu arbeiten.

- In dieser Zeit sahen wir beinahe nicht wie Menschen aus. Wir lebten gleichsam nicht richtig. Die meisten konnten sich nur so dahinschleppen. Ein Kamerad aus Evje wurde so miserabel behandelt, dass er später starb, unterstreicht Faremo.

Eines Tages geschah etwas Ungewöhnliches in dem strengen, düsteren und monotonen Dasein im Lager. Die norwegischen Gefangenen wurden hinunter in ein konfisziertes, jüdisches Konfektionsgeschäft geführt. Das ganze wirkte sehr rätselhaft. Dort bekamen sie die Erlaubnis, sich Anzug, Schlips und Schuhe auszusuchen. Die Sachen wurden in Papiersäcke gestopft und mit einer Gefangenennummer versehen. Als NN-Gefangene hatten sie keinen Namen; sie hatten nur eine Gefangenennummer. Faremo hatte in Grini die Nummer 6399, in Natzweiler 4068 und in Mauthausen 98023.

Etwas Besonderes war los

- Am 20. März 1945, frühmorgens um vier Uhr, wurden wir ins Bad geführt. Dort lagen alle Papiersäcke! Wir bekamen den Befehl, die zivile Bekleidung anzulegen. Wir verstanden, dass etwas Besonderes geschehen sollte, aber nicht was. Nachdem wir uns herausgeputzt hatten führte uns der Kommandant höchstpersönlich aus dem Lager heraus. Das war so besonders, dass wir überlegten, was im Gange sein könnte, berichtet Faremo.

Auf dem Parkplatz standen zwei weisse Autobusse mit aufgemalten grossen Rote-Kreuz-Zeichen und schwedische Fahnen. Es zeigte sich, dass es zwei schwedische Rote-Kreuz-Busse waren. Weder Osmund Faremo oder die Mitgefangenen hatten etwas über die gross angelegte Hilfsaktion, die der schwedische Graf Folke Bernadotte organisiert hatte. Den Bussen war es gelungen, bis ganz nach Mauthausen hin zu gelangen. Mit sich hatten sie auch einen Lastwagen mit Stullenpaketen. Der Kommandant führte die Gefangenen bis ganz runter zum Parkplatz. Dort stand ein kleiner schwedischer Trupp Soldaten, von einem Leutnant geleitet, aufmarschiert.

- Der Kommandant überlieferte uns in militärischen Formen an den schwedischen Leutnant. Abschliessend hielt er eine Donnerrede, „dass der erschossen wird, der" usw. Wir sollten uns nicht einbilden, dass wir frei seien. Das Rote Kreuz sollte uns in einem speziellen Gefangenenlager sammeln, unterstrich der Kommandant streng. Für uns war das eine wohlbekannte Lektion, die uns da serviert wurde. Die hatten wir schon unzählige Male vorher gehört, machte Faremo klar.

Der schwedische Leutnant antwortete klar und deutlich, dass „wir darauf scheissen, Jungs; jetzt machen wir, was wir wollen." Die norwegischen NN-Gefangenen waren panisch erschrocken. Sie erwarteten, dass der Kommandant explodieren würde. Merkwürdigerweise gab es keine Reaktion.

Sein alter Gefangenenfreund

Dann verschwand der Kommandant, um zu seinen administrativen Aufgaben zurückzukehren. Vielleicht war er auch froh darüber, diese Leute nicht weiter verpflegen zu müssen. Die Gefangenen wurden in die beiden Busse gelassen. Zuerst wurden sie nach Dachau gefahren. Dort traf Osmund Faremo seinen alten Gefangenenfreund Emil Frantz wieder. Sie stellten mit Freude fest, dass sie beide die Hölle im Todeslager überlebt hatten.

Mit den Bussen wurden die norwegischen NN-Gefangenen weiter durch Niemandsland verfrachtet. Die Ost- und Westfront war beinahe zusammen geschmolzen. Der Krieg tobte weiter. Es war aber deutlich zu merken, dass die Kämpfe die Schlussphase erreicht hatten. Die Busse fuhren nur nachts. Überall wurde geschossen. Am Strassenrand stand deutsches Kriegsmateriell in Brand. Die jungen schwedischen Chauffeure mussten ohne Licht fahren. Ihnen gelang es aber, nach dem Schein der vielen Brände zu „navigieren". Die vorläufige Endstation für den Gefangenentransport durch Deutschland sollte Neuengamme sein. Dieses wurde ausgewählt als Sammellager für die überlebenden norwegischen und skandinavischen Gefangenen. Und das geschah nachdem Graf Folke Bernadotte seine so strahlende und gross angelegte Rettungsaktion - vielleicht das grösste Wunder während des 2. Weltkriegs - durchgeführt hatte.

Nach und nach kamen 4.225 Norweger nach Neuengamme. Die Hilfsmannschaften waren bestürzt über den schlechten Zustand der Gefangenen. Die meisten waren vollständig abgemagert und ausgemergelt; ausgehungerte KZler.

Hier traf die „Natzweilergruppe" andere norwegische Gefangene. Diese kamen von einer langen Reihe Konzentrationslager in Deutschland. Auf wunderbare Weise hatten sie es fertig gebracht, durch das Kampfgetümmel im kriegszerstörten Land zu gelangen. Nach einer Weile in diesem Lager wurden sie in den „weissen Bussen" nach Dänemark transportiert. Am 20. April wurde die deutsche Grenze passiert.

Eigentlich war es ironisch, dass es gerade an diesem Tag geschah. Der Führer, Adolf Hitler, war 56 Jahre alt geworden.

Endlich auf freier Muttererde

Der erste Haltepunkt war Mögelkjär bei Horsens. Dort hatte der dänische Hilfsapparat einen Gefangenenempfang errichtet. Hier wurde nichts vermisst, weder Essen noch Kleidung. Der nächste Aufenthalt auf dem Heimweg war Schweden. An einem der Maitage 1945 kam Faremo endlich wieder nach Norwegen zurück.

Zwei und ein halbes Jahr nach seiner Verhaftung auf dem Bahnhof in Kristiansand war der NN-Gafangene, Osmund Faremo, endlich wieder zurück auf freier norwegischer Erde. Obgleich er täglich den Tod im Gefolge hatte, überlebte er auf unglaubliche Weise.

Der Telegrafenlehrling bei der NSB (der Norwegischen Staatsbahn), Feldwebel Osmund Faremo aus Rysstad im Setesdal, wurde am 5. Februar 1943 auf dem Bahnhof in Kristiansand verhaftet. Er wurde der Mitgliedschaft in einer illegalen Widerstandsorganisation verdächtigt und im „Arkiv“ harter Tortur ausgesetzt. Er bekam die Brutalität, die an diesem finsteren Ort herrschte, zu spüren. Die erschreckenden Erlebnisse hinterliessen deutliche Spuren im Bewusstsein des 21-jährigen. Später im Leben sollte er ein aktiver Vorkämpfer für Freiheit und Menschenwürde werden.

Am 9. April 1940 war Osmund Faremo Schüler der Unteroffiziersschule der 3. Division in Kristiansand. An diesem Tage erlebte er das erste Treffen mit der effektiven deutschen Kriegsmaschine. Seine Feuertaufe bekam er während des Angriffs auf die Festung Odderöya. Frühmorgens wurde die Schulklasse, der Faremo angehörte, als Deckungsstütze auskommandiert. Er war dort während des kräftigen Bombardements - erst von deutschen Kriegsschiffen - später von deutschen Bombenflugzeugen. Keiner der Unteroffiziersschüler wurde verletzt.

Als die Kämpfe vorüber waren, wurden die Schüler vom Chef der Schule versammelt. Er gab Bescheid, dass die, die wollten, abhauen konnten; die, die aber weiterkämpfen wollten, könnten sich hinter dem Krankenhaus in Kristiansand versammeln. - Keiner verschwand. Alle kamen, einzeln oder in Gruppen, hinters Krankenhaus.

Die kleine Truppe bezog bei Stray die erste Stellung und hielt sie den ersten Tag. Sie deckte die wichtige Strasse und die Eisenbahnlinie ins Setesdal. Danach wurde Stellung bei Hägeland bezogen und zum Schluss ging es nach Byglandsfjord.

 

Die südliche Kapitulation

Unteroffiziersschüler Osmund Faremo erlebte das traurige Ereignis, dass sich die gesamte Streitmacht des Landes am 15. April 1940 ergab. Das war die bedingungslose Kapitulation. Da hatte sich der General aus dem Staube gemacht.101 Auch nicht der stellvertretende Kommandeur besass genügend Mut zum Kampf. Die wie gelähmt wirkenden Soldaten mussten im Kanossagang nach Evje runter ziehen. Dort wurden sie entwaffnet. Aufgrund deutschen Wohlwollens wurden sie nicht als Kriegsgefangene behandelt. Deshalb konnten sie an ihre Heimatadressen zurückkehren.

- Das war ein fürchterlich schlechtes Gefühl. Wir fühlten uns wie vernarrt, berichtet Faremo bitter.

Er begab sich nach Kristiansand und begann in einer Baufirma. Sie errichtete verschiedene Gebäude für die Deutschen. Nach einer Weile begannen Einberufungen zum Arbeitsdienst (AT) zu kommen. Aus Entrüstung wurden die Briefe in den Ofen geworfen. Dennoch verstand er, dass dies vielleicht gefährlich sein könnte. Da kam er auf den Gedanken, Arbeit in einem Staatsbetrieb zu suchen. Dort würde er „beschützt“ sein. Im Frühjahr 1941 hatte er Glück und wurde als Telegrafenlehrling bei der norwegischen Staatsbahn eingestellt.

 

Mitglied der Mil. Org.

Ungefähr zu diesem Zeitpunkt wurde er - zusammen mit mehreren Schülern der Unteroffiziersschule - in die heimliche Widerstandsarbeit mit hineingezogen. Er wurde Major Laudals Militärorganisation (Kampfgruppe 3) zugeordnet. Dieses Untergrundheer wurde mit dem Ziel vor Augen errichtet, bei der erwarteten alliierten Invasion in Süd-Norwegen im Frühling 1942, in Bereitschaft zu liegen. Faremo wurde von Disponent Knut Bö in der Autobusgesellschaft Setesdal Bilruter angeworben. Die Abteilung Rysstad, der Osmund Faremo angehörte, war Ingenieur Rolf Ellingsen aus Mosby, dem Leiter des Setesdal-Abschnittes, unterstellt.102

Die Rysstad-Abteilung errichtete Verbindung mit einer gleichartigen Abteilung in Bykle. Die Bjåen-Brüder, Knut und Sjur, organisierten den Waffenempfang und die Verteilung der Waffen. Zusätzlich wurden Routen für Flüchtlinge etabliert. Bezirksarzt Gert Hoye war Chef für die Nachrichtenvermittlung XU.

Im Sommer 1942 nahm Osmund Faremo in Rysstad an einem Waffenlehrgang teil. Dieser wurde in den Wäldern bei Faremo abgehalten. Feldwebel John Haugeland leitete die Instruktion.103 Er hatte selbst kurz vorher einen Instruktionskursus unter der Leitung von „Arne Andersen“ mitgemacht.104 Die Männer stifteten Bekanntschaft mit modernen Kampfwaffen, wie Stengun Maschinenpistole, Colt Pistole und Mills Handgranaten.

Darüber hinaus erhielten sie Ausbildung in Sprengungstechnik, sowie Handhabung detonierender Lunte und des „Supersprengstoffes“ Plastic Explosive. Ausserdem lernten sie, geheime Meldungen aufzusetzen.

Die Teilnehmer am Waffenkurs wurden zu Gruppenführern ernannt. Sie sollten in aller Heimlichkeit Leute an sich knüpfen, zu denen sie Vertrauen hatten, und von denen sie wussten, dass sie hundert Prozent verlässlich waren. Jede Gruppe sollte einem Trupp angehören. Wenige Namen wurden genannt. Das war eine Stufe der Sicherheitsveranstaltungen.

 

Kam seiner täglichen Arbeit nach

Im Laufe des Jahres 1942 kam Osmund Faremo seiner täglichen Arbeit in der NSB-Administration in Krossen nach. Er hörte bei den Nachrichten genau zu, ob da etwas war, das darauf hindeutete, dass sich eine bevorstehende Invasion abzeichnete. Er hatte den deutlichen Bescheid erhalten, nicht zu flüchten, ohne dass dafür ein eindeutiger Befehl gegeben war. Am 5. Februar 1943, während des Dienstes in der NSB-Station in Krossen, bekam er ein beängstigendes Telefongespräch von seiner Cousine. Sie erzählte, dass das Haus voller Gestapoleute und Polizei sei. Unglücklicherweise sass er am gleichen Schreibtisch wie der Chef, der einer der wenigen Nazis im Eisenbahnbezirk von Kristiansand war. Faremo sah zum Chef rüber, um zu sehen, ob er etwas gehört haben könnte, aber er schien so sehr beschäftigt mit seiner Schreibarbeit, dass er dieses Unheil verkündende Telefongespräch nicht registriert hatte.

Faremo verstand, dass er nichts anderes tun konnte, als zu verschwinden. So unbemerkt wie möglich schlich er sich aus dem Gebäude, fand draussen ein Fahrrad und strampelte was das Zeug hielt nach Kristiansand runter. Das war eine Strecke von ungefähr zwei Kilometern. Dort traf er einige seiner Kameraden und erzählte, dass nach ihm gefahndet wurde und er abhauen musste.

Ich war gerade dabei, aus dem Lande zu verschwinden, als plötzlich die Türen des Stationsgebäudes aufknallten. Das ganze Gebäude war umringt und voll von Uniformierten, ziviler Polizei und Gestapo. Sie brüllten meinen Namen. Ich sass in der Falle, berichtet Faremo.

Wären sie fünf Minuten später gekommen, wäre ich ihnen entkommen.

 

Gefühl wie totgeschlagen zu werden

Nach der Verhaftung wurde er direkt ins Kristiansand Kreisgefängnis transportiert. Die Verhaftung geschah an einem Freitag. Er sass in der Zelle bis Montag Morgen. Da wurde er ins „Arkiv“ verfrachtet und umgehend einem Verhör unterzogen. Vom ersten Augenblick an wurde er misshandelt und geschlagen. Er hatte das Gefühl, totgeschlagen zu werden. Die Nieren wurden ihm los geschlagen. Ein Wunder, dass er überlebte. Der Körper wurde schwarz von Blutergüssen vom Magen und abwärts. Diese Merkmale hielten sich ein halbes Jahr lang.

- Ich wurde ungefähr einen ganzen Tag lang geschlagen. Zuerst musste ich den üblichen Empfang im Arkiv durchmachen, d.h. mit dem Gesicht zur nackten Wand in Gib Acht-Stellung stehen, berichtet Faremo. So wurde er ins Büro von SS-Hauptscharführer Friedrich Albert Lappe, dem Ermittlungsleiter in der Sache, gebracht. Das Verhör begann angemessen ruhig.

- Er fragte, warum ich verhaftet worden war. Ich sagte, ich hätte keine Ahnung warum, berichtete Faremo. Nach und nach wurde Lappe schärfer im Ton. Da Faremo immer noch leugnete, wurde der Gestapomann rasende. Danach legte er verschiedene Torturgeräte über dem Schreibtisch aus. So steigerte er sich in eine fürchterliche Raserei hinein und fluchte wie ein Wilder. Mit einer viel versprechenden Geste zog er seine Pistole, zielte auf den Gefangenen und drohte zu schiessen.

- Ich verstand, dass es nicht seine Absicht war, mich zu erschiessen, bevor er nicht etwas aus mir herausbekommen hatte. Deshalb verhielt ich mich ziemlich ruhig, sagt Faremo.

Er leugnete er alles.

 

Stundenlange Misshandlungen

Die zu keiner Zusammenarbeit willige Haltung - von deutscher Seite aus gesehen - führte dazu, dass Faremo die Treppen zum Torturraum im Keller hinunter gestossen wurde, wo er benommen und halbwegs ohne Bewusstsein auf dem Fussboden liegen blieb. So bekam er ein Handtuch in den Mund gezwängt und Handschellen angelegt. Danach wurde er auf einen Holzbock geworfen und zu Blute geprügelt. Fünf Gestapoleute tauchten auf und schlugen wechselweise auf ihn ein. Die Misshandlung dauerte Stunden.

Einer der Gestapoleute stand da mit seinen blank geputzten Reitstiefeln und trat mit vollem Gewicht auf die Handschellen. Ein paar andere versetzten ihm Tritte an die Beine, so dass er sich nicht gegen die Schläge, die von vorne kamen, schützen konnte. Auf jeder Seite stand ein Gestapomann, und beide schlugen ihn mit langen Lederpeitschen.

Als die ersten beiden „Peitschenmeister“ erschöpft waren, übernahmen zwei neue, während die beiden Ersten neue Kräfte für den nächsten Umgang sammelten.

In regelmässigen Abständen wurde er vom Holzbock heruntergezogen und von Mann zu Mann geschuppst, während alle auf ihn einschlugen. Nach mehreren solcher Runden wurde er hochgerissen und das Handtuch aus seinem Mund genommen. Der stark misshandelte Gefangene wurde gefragt, ob er sprechen wolle. Die Antwort war immer noch ein klares Nein. Seine Starrheit und Unwilligkeit führte zu noch einem Umgang zwischen den fünf Sadisten. Faustschlag auf Faustschlag hammerten gegen seinen Kopf. Bald rannte Blut über das ganze Gesicht. Diese unbarmherzige Misshandlung wahrte eine gute Weile.

So wurden die Verhöre plötzlich abgebrochen. Die Person, die ihn verraten hatte, wurde hereingeführt. Er war unter einem Torturverhör zum Sprechen gebracht worden. - Ich kannte ihn und konnte es nicht verneinen. Die Gestapoleute fragten, ob ich jetzt etwas zu erzählen hätte. Ich ahnte nicht, was er ihnen erzählt hatte; deshalb schwieg ich, berichtete Faremo.

Die Strafe war eine neue Runde auf dem Holzbock. Der Kamerad musste dabeistehen und zusehen. Die Tortur ging bis zum späten Abend vor sich. Später konnte er nicht sagen, ob er die ganze Zeit bei vollem Bewusstsein gewesen war. Alles floss zusammen in losen und unwirklichen Bildern. Als er endlich wieder zu sich kam, befand er sich immer noch im Keller. Zwei andere zusammengeschlagene Gefangene nahmen sich seiner an. Faremo konnte weder stehen noch gehen. Bei der Inspektion hoben die Kameraden ihn hoch in stehende Stellung. Gemäss Reglement mussten die Gefangenen in strammer Gib Acht-Stellung stehen, wenn die hohen Herren erschienen.

 

Sein eigenes Todesurteil

Später am Abend wurde er zu Lappe hinein geführt. Mit blutverschmiertem und geschwollenem Gesicht - und die Nase seitlich verklemmt - wurde er dem Gestapomann überführt. Rücken und Füsse waren wie unförmige Fleischklumpen. Die Hände waren geschwollen und unansehnlich. Die dicke Eisenbahneruniform war zerfetzt durch die Peitschenhiebe.105

Mir wurde befohlen, das „Eingeständnis“ zu unterschreiben. Aber eine Anerkennung einer Schuld hatte ich überhaupt nicht abgegeben. Trotzdem hatte Lappe es fertig geschrieben. Es war einleuchtend, dass es auf Erklärungen von meinen Kollegen, denen diese abgezwungen wurden, beruhte. Eigentlich war es, wie wenn ich mein eigenes Todesurteil unterschreiben sollte ..... Ich bekam nie einen Verteidiger oder sonst was, unterstrich Faremo. Nach zehn Tagen wurde der junge Widerstandskämpfer nach Grini bei Oslo überstellt. Dort sass er vom 15. Februar 1943 bis er am 7. Juni zum Transport aufgerufen wurde. Den Bestimmungsort wusste er nicht.

Die Gefangenen wurden hinunter zum Akershus-Kai in Oslo gefahren. Dort lag die „Monte Rosa“. An Bord dieses düsteren Sklavenschiffes wurden ungefähr 140 norwegische NN-(Nacht und Nebel-)Gefangene gebracht. Zuerst ging die Seefahrt nach Århus. Von da aus wurden die Gefangenen in alten Eisenbahnwagons nach Hamburg verfrachtet. Hier wurde der Transport aufgeteilt. 71 wurden aufgerufen und weitertransportiert. Nach fünf Tagen landeten sie in Natzweiler-Struthof, 60 km von Strassburg entfernt.106 Das Gefangenenlager (800 m ü.M.), wie sie bald verstanden, war ein Vernichtungslager.

Dort waren 5.000 französische, 504 norwegische und 1.000 belgische NN-Gefangene.

Die 71 Norweger machten das erste Kontingent von NN-Gefangenen aus Norwegen aus. Die Gefangenenuniformen wurden mit einem grossen roten N auf beiden Seiten vorne und zwei rote N auf dem Rücken gekennzeichnet. Die Disziplin im Lager war eisern. Die deutschen SS-Offiziere und die Kapos, d.h. Gefangene, die eine Arbeitsgruppe leiteten, konnten mit den Gefangenen beinahe alles machen, was sie wollten. Sie wussten, dass sie weder Strafe noch Repressalien für ihre rücksichtslose Behandlung der Gefangenen riskierten. Sie wurden eher gelobt.

Die täglichen Essensrationen waren minimal. Trotzdem wurden die NN-Gefangenen zu Schwerstarbeit im Steinbruch eingesetzt. Regelrechte Sklavenarbeit. Sie verstanden, dass sie durch dieses unerträgliche Bestrafungssystem sterben sollten. Die Arbeit im Steinbruch, wo die meisten Norweger arbeiteten, war eine unmenschliche Schinderei. Ungefähr 45 kamen im „Berg des Todes“ um.107

Die nächste Todeslast bestand aus Holländern. Sie kamen einen Monat später an. Die dritte Gruppe, die ankam, waren Franzosen. Sie kamen direkt aus Gefängnissen in Paris, wo sie schon ein und ein halbes Jahr eingesperrt waren. In einer regenvollen Nacht wurden sie direkt in den Steinbruch kommandiert. Sie waren nur mit einfachen „Holländerschuhen“ und dünnem Zeug gekleidet. Sie mussten Steine tragen.

 

Beinahe keiner übrig

- Als wir morgens aufwachten, trugen sie ausserhalb des Lagers immer noch Steine. Es lagen ganz schön viele Halbtote und Tote umher. Als wir abends vom Steinbruch zurückkamen, war fast keiner übrig, erzählt Faremo.

Eines Tages wurde Faremo von einem anderen Gefangenen aufgesucht, Emil Frantz aus Luxemburg. Emil erzählte, dass er eine Sonderstellung in Natzweiler-Struthof innehat und versprach, Faremo so gut er konnte zu helfen. So verschwand er wieder nach draussen. Vor dem Krieg war er Ringer-Europameister im Freistil gewesen. Die Deutschen zeigten grosse Bewunderung für Sportsathleten. Deshalb bekam er eine Sonderbehandlung. Das bedeutete, dass ihm erlaubt war, Pakete zu empfangen und Briefe zu schreiben. Die Familie sandte ihm wöchentlich Pakete. Ausserdem konnte er sich frei bewegen, im und ausserhalb des Lagers.

In vielen Beziehungen wurde Emil Frantz ein Glücksstern für Faremo. Das war der Beginn einer lebenslangen Freundschaft.

Es zeigte sich, dass Emil Frantz ein Fachmann in Steinbrucharbeit war. Er kam nämlich von einer Eisenhütte in Luxemburg und war Experte, Arbeitsgeräte richtig anzuwenden. Diese Spezialkenntnisse gereichten jetzt allen Norwegern zum Nutzen.

 

Auf dem Todesmarsch

Das NN-Lager Natzweiler-Struthof war offenbar nicht die Endstation. Eines Tages kam nämlich der Bescheid, dass alle norwegischen NN-Gefangenen auf Weitertransport sollten. Osmund Faremo lag auf dem Revier, d.h. Krankenstube, als der Marschbefehl kam. Er hatte die Gangräne, eine Art Gewebserstickung, in beiden Beinen bekommen. Den Schaden hatte er sich im Steinbruch zugelegt. Es war schon ein Wunder, dass er den Aufenthalt in der Krankenstube überlebt hatte. Kurz davor hatten die Ärzte diskutiert, wo sie die Beine amputieren sollten.

Jetzt wurde ihm befohlen, die Krankenstube zu verlassen und sich auf den Marsch zu begeben. Faremo landete in der Gruppe, die sich über die zehn Kilometer lange Strecke bis zum Bahnhof Rothau schleppen musste. Von dort wurden die NN-Gefangenen in einem voll gestopften Gefangenenzug nach Dachau transportiert. Zu Fuss mussten sie zu dem kleinen Lager Allach maschieren. Dieses Lager war aber völlig überfüllt; so wurden sie also wieder in das Lager Dachau zurück kommandiert. Die Verlegung geschah zu Fuss.

- Die Lagerleitung fand wohl heraus, dass wir NN-Gefangene waren. Ungefähr 90 der norwegischen Gefangenen wurden deshalb in Viehwagen weitergesendet, berichtet Faremo.

 

 

Die lange Todestreppe

Als die Norweger wieder ausgeladen wurden, zeigte es sich, dass sie im Konzentrationslager Mauthausen in Österreich gelandet waren. Auch hier wurden die Gefangenen zu schwerer Steinarbeit eingesetzt. Die Bekleidung war minimal. Alle trugen “Holländerschuhe“, Hose und ein verschlissenes Hemd. Anderes Zeug gab’s nicht.

Der junge Widerstandsmann blieb den ganzen Herbst über in Mauthausen. Er überlebte auch die unmenschliche Schinderei in der „Todestreppe“. In Mauthausen mussten die Gefangenen schwere Steine die „Himmelsleiter“ hinauftragen. Sie hatte 186 Stufen. Das sinnlose Wandern wiederholte sich viele Male den ganzen Tag lang. - Das gelang mir unvorstellbarer Weise, gesteht Faremo. Die überraschende Wahrheit, dass in ihm immer noch Leben war, war die Ursache dafür, dass er für Tunnelarbeit ausgewählt wurde. Das wurde seine nächste Arbeit im 3. Reich.

Zwei kleinere, heimliche Lagerkommandos waren Mauthausen untergeordnet. Diesen oblag die Verantwortung, neue, unterirdische Fabrikanlagen zu bauen. Die Alliierten näherten sich mit Sturmschritten sowohl aus Ost und West. In einem letzten, verzweifelten Versuch, die deutsche Kriegsmaschine in Gang zu halten, bestimmte Rüstungsminister Albert Speer, dass der wichtigste Teil der deutschen Waffenindustrie unter der Erde versteckt werden sollte.

Osmund Faremo wurde ausgewählt, in den dunklen Tunnelgängen zu arbeiten.

- In dieser Zeit sahen wir beinahe nicht wie Menschen aus. Wir lebten gleichsam nicht richtig. Die meisten konnten sich nur so dahinschleppen. Ein Kamerad aus Evje wurde so miserabel behandelt, dass er später starb, unterstreicht Faremo.

Eines Tages geschah etwas Ungewöhnliches in dem strengen, düsteren und monotonen Dasein im Lager. Die norwegischen Gefangenen wurden hinunter in ein konfisziertes, jüdisches Konfektionsgeschäft geführt. Das ganze wirkte sehr rätselhaft. Dort bekamen sie die Erlaubnis, sich Anzug, Schlips und Schuhe auszusuchen. Die Sachen wurden in Papiersäcke gestopft und mit einer Gefangenennummer versehen. Als NN-Gefangene hatten sie keinen Namen; sie hatten nur eine Gefangenennummer. Faremo hatte in Grini die Nummer 6399, in Natzweiler 4068 und in Mauthausen 98023.

 

Etwas Besonderes war los

 

- Am 20. März 1945, frühmorgens um vier Uhr, wurden wir ins Bad geführt. Dort lagen alle Papiersäcke! Wir bekamen den Befehl, die zivile Bekleidung anzulegen. Wir verstanden, dass etwas Besonderes geschehen sollte, aber nicht was. Nachdem wir uns herausgeputzt hatten führte uns der Kommandant höchstpersönlich aus dem Lager heraus. Das war so besonders, dass wir überlegten, was im Gange sein könnte, berichtet Faremo.

Auf dem Parkplatz standen zwei weisse Autobusse mit aufgemalten grossen Rote-Kreuz-Zeichen und schwedische Fahnen. Es zeigte sich, dass es zwei schwedische Rote-Kreuz-Busse waren. Weder Osmund Faremo oder die Mitgefangenen hatten etwas über die gross angelegte Hilfsaktion, die der schwedische Graf Folke Bernadotte organisiert hatte.108 Den Bussen war es gelungen, bis ganz nach Mauthausen hin zu gelangen. Mit sich hatten sie auch einen Lastwagen mit Stullenpaketen. Der Kommandant führte die Gefangenen bis ganz runter zum Parkplatz. Dort stand ein kleiner schwedischer Trupp Soldaten, von einem Leutnant geleitet, aufmarschiert.

- Der Kommandant überlieferte uns in militärischen Formen an den schwedischen Leutnant. Abschliessend hielt er eine Donnerrede, „dass der erschossen wird, der“ usw. Wir sollten uns nicht einbilden, dass wir frei seien. Das Rote Kreuz sollte uns in einem speziellen Gefangenenlager sammeln, unterstrich der Kommandant streng. Für uns war das eine wohlbekannte Lektion, die uns da serviert wurde. Die hatten wir schon unzählige Male vorher gehört, machte Faremo klar.

Der schwedische Leutnant antwortete klar und deutlich, dass „wir darauf scheissen, Jungs; jetzt machen wir, was wir wollen.“ Die norwegischen NN-Gefangenen waren panisch erschrocken. Sie erwarteten, dass der Kommandant explodieren würde. Merkwürdigerweise gab es keine Reaktion.

 

Sein alter Gefangenenfreund

Dann verschwand der Kommandant, um zu seinen administrativen Aufgaben zurückzukehren. Vielleicht war er auch froh darüber, diese Leute nicht weiter verpflegen zu müssen. Die Gefangenen wurden in die beiden Busse gelassen. Zuerst wurden sie nach Dachau gefahren. Dort traf Osmund Faremo seinen alten Gefangenenfreund Emil Frantz wieder. Sie stellten mit Freude fest, dass sie beide die Hölle im Todeslager überlebt hatten.

Mit den Bussen wurden die norwegischen NN-Gefangenen weiter durch Niemandsland verfrachtet. Die Ost- und Westfront war beinahe zusammen geschmolzen. Der Krieg tobte weiter. Es war aber deutlich zu merken, dass die Kämpfe die Schlussphase erreicht hatten. Die Busse fuhren nur nachts. Überall wurde geschossen. Am Strassenrand stand deutsches Kriegsmateriell in Brand. Die jungen schwedischen Chauffeure mussten ohne Licht fahren. Ihnen gelang es aber, nach dem Schein der vielen Brände zu „navigieren“. Die vorläufige Endstation für den Gefangenentransport durch Deutschland sollte Neuengamme sein.109 Dieses wurde ausgewählt als Sammellager für die überlebenden norwegischen und skandinavischen Gefangenen. Und das geschah nachdem Graf Folke Bernadotte seine so strahlende und gross angelegte Rettungsaktion - vielleicht das grösste Wunder während des 2. Weltkriegs - durchgeführt hatte.

Nach und nach kamen 4.225 Norweger nach Neuengamme. Die Hilfsmannschaften waren bestürzt über den schlechten Zustand der Gefangenen. Die meisten waren vollständig abgemagert und ausgemergelt; ausgehungerte KZler.

Hier traf die „Natzweilergruppe“ andere norwegische Gefangene. Diese kamen von einer langen Reihe Konzentrationslager in Deutschland. Auf wunderbare Weise hatten sie es fertig gebracht, durch das Kampfgetümmel im kriegszerstörten Land zu gelangen. Nach einer Weile in diesem Lager wurden sie in den „weissen Bussen“ nach Dänemark transportiert. Am 20. April wurde die deutsche Grenze passiert.

Eigentlich war es ironisch, dass es gerade an diesem Tag geschah. Der Führer, Adolf Hitler, war 56 Jahre alt geworden.

 

Endlich auf freier Muttererde

Der erste Haltepunkt war Mögelkjär bei Horsens. Dort hatte der dänische Hilfsapparat einen Gefangenenempfang errichtet. Hier wurde nichts vermisst, weder Essen noch Kleidung. Der nächste Aufenthalt auf dem Heimweg war Schweden. An einem der Maitage 1945 kam Faremo endlich wieder nach Norwegen zurück.

Zwei und ein halbes Jahr nach seiner Verhaftung auf dem Bahnhof in Kristiansand war der NN-Gafangene, Osmund Faremo, endlich wieder zurück auf freier norwegischer Erde. Obgleich er täglich den Tod im Gefolge hatte, überlebte er auf unglaubliche Weise.